Cover: Phaidon Verlag
Von Gastautorin Natalie Fellhauer
Das bekannteste Kochbuch Italiens wünschte ich mir Weihnachten von meinem Mann und bekam es auch, den Silberlöffel. Dieses Kochbuch existiert seit 1950 und bietet eine Ansammlung von ca. 2000 Rezepten aus allen Regionen Italiens. Das Basiskochbuch der Italiener oder anders gesagt: das häufigste Hochzeitsgeschenk Italiens. Meine Erwartungen an den Silberlöffel waren dementsprechend.
Vorweg ist zu sagen, jedes Rezept funktionierte bisher bei mir, aber keines konnte mich überraschen oder verzaubern. So ist der Silberlöffel mittlerweile eher ein Nachschlagewerk als ein Kochbuch für mich. Als Abonnentin einer Biokiste, in der manchmal Dinge auftauchen, von denen ich keinen blassen Schimmer habe (z.B. Kardonen oder Topinambur), konnte ich hier fündig werden. Ich erfuhr, was das ist, welche Mengen ich benötigte und die Garzeiten. Zudem erhielt ich einige Rezeptideen, denn das Kochbuch ist praktischerweise in Zutaten gegliedert.
Die Rezepte sind sehr knapp beschrieben und auf das Wesentliche reduziert (manchmal nur 5 – 6 Sätze für ein Rezept). Die Nebenzutaten zu den Rezepten sind einfach und meist in jedem kochenden Haushalt zu finden. Nachdem ich verschiedene Rezepte ausprobiert habe, musste ich feststellen, dass der Silberlöffel mich als Kochbuch enttäuscht: Die Rezepte erinnern mich mehr an den soliden Italiener von nebenan, wo man weiß, was man erhält, aber keine kulinarische Delikatesse erwartet.
Die Handhabung dieses Kochbuches ist praktisch. Zum einen wie eingangs erwähnt in Zutaten aufgeteilt, ist es auch in die verschiedenen Gänge unterteilt: Es beginnt mit
Saucen, Marinaden und gewürzten Butter, geht über zu Antipasti, Hors d’oeuvres, Pizza gefolgt vom ersten Gang (primi platti), Eier, Frittata und dann kommen Gemüse, Fleisch, Fisch, Wild und schließt mit Käse und Desserts, Backen.
Das Kochbuch verfügt über 100 Foodfotografien und 120 Illustrationen. Ein schönes Detail ist, dass jedes Gericht in italienischer Sprache und deutscher Übersetzung aufgeführt ist. Es macht sich doch sehr gut, wenn man denn das Gericht mit seinem italienischen Titel servieren kann.
Interessant fand ich die Küchensprache zu Beginn des Buches. Wer schon immer wissen wollte, was eine Chitarra ist, was braisieren ist oder was eine Quenelle ist, kann es dort nachlesen. So ermöglich es auch dem, der nicht kochen kann, fachmännisch beim Abenddinner mitzureden.
Favoriten und Flops
Geschmortes Rosmarin Kaninchen (Coniglio arrosto al rosmarino)
Nun war ich kurz nach Weihnachten bei Freunden eingeladen, welche eine private Kaninchenzucht betreiben. Da sie alle drei bis vier Wochen Kaninchen essen, sollte ich sie mal mit einem etwas anderen Rezept überraschen. Da kam mir der Silberlöffel sehr entgegen, jedoch wie eingangs beschrieben, jedes Rezept funktioniert, aber überrascht einen selten. Die Freunde hatten mir das beste von drei Kaninchen zur Verfügung gestellt und ich hatte mich für geschmortes Rosmarin Kaninchen (Coniglio arrosto al rosmarino) entschieden, alle beteuerten, dass es doch schmecke, aber es zauberte niemanden ein mmmmh auf die Lippen.
Karotten-Risotto, Radicchio-Risotto, Apfel-Risotto (Risotto alla Carote, Risotto al Trevigiano, Risotto con le Mele)
Mit den Risotti erging es mir noch schlechter. Jeder weiß, dass ein gutes Risotto Zeit und Hingabe benötigt, diese gewähre ich stets, aber das Ergebnis war die Zeit und Mühe leider nicht wert. Ich hatte das Karottenrisotto probiert – es schmeckte langweilig. Das Radicchio Risotto war etwas bitter und sah auch schon grenzwertig aus und das Apfelrisotto ließ in mir den Entschluss aufwallen, nie wieder ein Risotto aus dem Silberlöffel zu kochen.
Lasagne Bolognese (Lasagne alla Bolognese)
Diese Lasagne war recht einfallslos. Ich war schon erstaunt bei den Nebenzutaten, keinen Rotwein und nur eine Karotte sowie eine Zwiebel zu finden. Das Ergebnis war dann auch dementsprechend langweilig und fad.
Topinambursuppe, Fenchelcremesuppe mit Lachs (Crema ai Topnambur, Crema di Finocchi al Salmone Affumicato)
Die Suppen konnten mich etwas besänftigen, die Topinambursuppe schmeckt erdig und ehrlich, die Fenchelcremesuppe mit Lachs so wie man es sich vorstellt, aber es fehlt immer das gewisse Etwas oder eine Raffinesse.
Marmeladenrezepte (Marmellata D’Arance)
Wirklich überrascht haben mich die Marmeladenrezepte und ich kochte zweimal hervorragende Orangenmarmeladen, dabei wurden mir das Geheimnis der italienischen Küche und auch dieses Kochbuches klar: Die Qualität der Zutaten ist von entscheidender Bedeutung.
Nachtrag – Claudios Kommentar vom April 2008 (Damals war Valentinas-Kochbuch.de noch ein Blog.)
“Das ist ja die Krux mit der italienischen Küche, liebe Natalie.
Sie ist eben das pure Gegenteil einer präzisen Cuisine Française oder der wissenschaftlich exakten Molekularküche.Sie basiert vor allem auf Handwerk, Erfahrung, Gespür und allerbesten Zutaten. Es gibt wohl, als Beispiel, nichts Einfacheres als die Zubereitung von Kartoffelgnocchi (in weniger als “5-6 Sätzen erklärt”), aber 90% der Klösse, die das Licht dieser Welt erblicken sind ganz einfach erbärmliche Kreaturen die nicht so schmecken, wie sie sollten. Wieder einmal hat es ein Amerikaner geschafft, diesem Geheimnis auf die Spur zu kommen: Bill Buford in “Hitze”.
Der Silberlöffel ist somit ein schizophrener Küchengehülfe: Er bietet zwar fundiertes, solides Basiswissen, aber nur eine rudimentäre Geling- oder eben Überraschungs-Garantie. Das Wichtigste am Silberlöffel, finde ich, ist die Guideline, was alles NICHT in ein Rezept gehört. Und das ist für gutes italienisches Essen schon mal die halbe Miete. Vielleicht hatte der Coniglio einfach einen schlechten Tag, oder du beim Kochen, oder deine Gäste beim Essen? Wer weiss.
Ich bin überzeugt, du kannst das Gericht 10 Mal “gleich” zubereiten, es wird jedesmal anders schmecken. Aber ab dem 11. Mal wirst du “deine” Methode gefunden haben, die einzigartig ist und deinen Gästen ein “mmmmh!” auf die Lippen zaubert.
Lass dich weiterhin inspirieren, es ist noch keine Marcella Hazan vom Himmel gefallen.
Liebe Grüsse und thumbs up für das Blog!
Claudio”
Zu Claudios Blog Anonymekoeche.net
Geschrieben im April 2008
Kommentare zu diesem Artikel
Nino
Hallo Valentina,
der Silberlöffel ist der Beweis, dass die italienische Küche eine eher "einfache" ist.
Ganz wichtig in Italien ist aber die Qualität der Lebensmittel.
Da die Zubereitung meist eher einfach ist, kann man sie auch, meist, kurzgefasst erklären.
Die Qualität der Lebensmittel und der richtige Umgang mit ihnen macht dann aber aus den meisten Gerichten eben doch etwas ganz anderes, als dass, was man beim Italiener nebenan bekommt.
Diese Aussage gilt aber auch nur für Deutschland.
Ich wünsche Dir jedefalls weiterhin viel Spaß beim erkunden der italienischen Küche.
Katharina
Hallo Nino, ja genau so ist es mit der Qualität. Aber das wird einem immer wieder erst so richtig klar, wenn man die Zutaten wirklich saisonal verwendet. Mir ist es vor einigen Jahren in Andalusien so ergangen, da habe ich eine reife Feige vom Baum gegessen. Und plötzlich wurde mir erst klar, wie sie wirklich schmeckt. Wie ich nachgelesen habe, reift die Feige nach dem Pflücken nicht nach. Herzlichst Katharina


Bei Amazon bestellen ...










