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Rezepte aus aller Welt

Sophie Dahl - Verführerisch: Ein neuer kulinarischer Popstar

Sophie Dahl

Cover: Bloomsbury Berlin

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„Meine Wangen rundeten sich wie die eines trägen Matisse-Models.“ beschreibt Sophie Dahl eine gewichtige Lebensphase in ihrem neuen Kochbuch. (Dabei ist der Vergleich zu den gemalten Schönheiten des Impressionisten so gar nicht anmaßend, denn die Engländerin ist bildhübsch.) Nach ihrer Model- und Autorinnenkarriere (Roman und Kurzgeschichten) tänzelt Sophie Dahl – nun mit Wespentaille – gerade schwungvoll auf eine neue berufliche Station zu: als Kochbuchautorin und TV-Köchin (produziert von Jamie Oliver). Die Story dazu ist quasi – ganz reduziert betrachtet – ihr physischer Werdegang, genauer das Auf und Ab der eingangs erwähnten Rundungen ihrer Wangen und Hüften. Das alles passiert mit viel Verve, Charme und Stilsicherheit, dass der Gedanke nahe liegt: hier kommt ein neuer kulinarischer Popstar. (Warum kommen sie eigentlich immer aus England?)

Ihr Kochbuch Verführerisch ist daher ein Miteinander von Rezepten und der Erläuterung der Story anhand ihrer Biografie: ihre kulinarische Lust, ihre Model-Leben, verzweifelte Diäten, der Weg zu ihrer heutigen Einsicht und ihrem Anliegen mit dem Kochbuchs: „Es gibt vieles, das sich unserer Kontrolle entzieht – der tägliche Umgang mit unserem Körper aber sollte nicht dazu zählen. Ich denke, die entscheidende Frage lautet: Wie können wir einen Ernährungsstil in unser Lebensstil integrieren, der vernünftig, genießbar und vor allem durchzuhalten ist? Und dabei kann Ihnen meine Erfahrung hoffentlich eine Hilfe sein.“

Und diese liest sich humorvoll, glamourös und auf charmante Art frivol („Wenige Wochen später bestieg ich einen Zug nach Paris, mit nichts als einem kleinen Koffer mit einem Nachthemd, Höschen und Zahnbürste in der Hand, und marschierte direkt vom Gare du Nord zum Haus von Karl Lagerfeld…“) Ihre Message ist eine uralte Weisheit: Iss maßvoll und ausgewogen und das am besten dreimal am Tag. Das ist nichts Neues, aber bei ihr liest es sich frisch, weil ihre verbale Lebenslust die übliche Ernsthaftigkeit (und damit verbundene Langweile) gar nicht erst zu Wort kommen lässt. Nicht nur Sophie Dahl ist sexy, sondern auch ihr kulinarisches Anliegen. (Die übrigens auch Jamie Olivers Anliegen sehr gut ergänzt, finde ich.)

Ihre Rezepte verteilen sich nach Frühstück, Mittagessen und Abendessen entlang der vier Jahreszeiten mit einem abschließenden Dessertkapitel. Die Rezepte sind lebensnah entsprechend ihrer angepeilten Leserschaft für 2 Personen vorgesehen und haben vor allem in der englischen (viele Eierrezepte) und mediterranen Länderküche ihre Heimat, mit einer Prise Asien. Die Zutaten sind übersichtlich mit kleiner Tendenz zur Vollwert, die Zubereitung ist meist verführerisch schnell und einfach. Das geht natürlich mitunter zu Lasten der Raffinesse, wie ich finde.

Tofu, viel Gemüse, etwas Fleisch und Fisch, sehr (!) wenig Zucker, Dinkelmehl findet man. Kastanien-Pilz-Suppe, Spiegelei mit Mangold, Naturreis-Risotto mit Kürbis, Mascarpone, Salbei und Mandeln, Kokosnuss-Curry mit Garnelen seien als Beispiele genannt. Es sind weniger Rezepte dabei, deren Titel mich bereits zum Ad-hoc-Kochen eingeladen haben. (Auf Kalbfleisch verzichtet sie, was ich klasse finde: „Die Notwendigkeit solch erbärmlicher Grausamkeit kann ich einfach nicht nachvollziehen.“) Ich fand die Rezepte gut, nicht weniger, aber auch nicht mehr. Meine Einschätzung hängt dabei natürlich von meiner Kocherfahrung ab. Als Kochnovizin würde ich vielleicht zu einem anderen Schluss kommen. Die Foodfotos sind toll. (Mitunter so professionell, dass Foto und tatsächliches Ergebnis hier und da voneinander abweichen, siehe unten das “Pariser Allerlei”).

Sophie Dahl hat das Zeug für einen kulinarischen Popstar: Hedonistisch und bildschön präsentiert sie in ihrem stylischen Kochbuch mit Biografie ihr Message der kulinarischen Ausgewogenheit für alle, die die uralte Weisheit vergessen haben im Angesicht der Diät-Industrie – umrahmt von ehrlichen Rezepten, die einfach und schnell zuzubereiten sind. Ein Feel-good-Kochbuch, das mich ästhetisch-emotional sehr überzeugt, kulinarisch nicht ganz!

Meine Favoriten und Flops

Sophie Dahl

Lilys Wokgemüse mit Tofu
Ich suche immer nach überzeugenden Tofu-Alltags-Rezepten wie diesem. Viel klein geschnittenes Gemüse, auch Rotkohl, mit Sesamöl, Sojasauce, Mirin und Koriander machen Lilys Wokgemüse zu einem Lichtblick nach einem langen Arbeitstag. Mich machte es an dem Abend sehr zufrieden (wenn es auch andere Stimmen am Esstisch gab!) Zum Rezept

Porridge mit Aprikosen, Honig und Crème Fraiche: Sophie hat mich überzeugt. Ich habe nach einer gefühlten Ewigkeit Porridge zubereitet. Der motivierende raffinierte Clou waren für mich die getrockneten Aprikosen, die in Orangensaft mit Zimt pochiert werden. Eine Entdeckung für mich, denn sie werden so weich, dass sie kaum mehr an ihr verschrumpelten Dörrdasein erinnern und sehr intensiv im Geschmack sind. Superb!

Pariser Allerlei: Was für ein herrlicher Name! Vor allem wenn sich um einen Linseneintopfgericht handelt. (Eine Name macht “hübscher”, so die Lehre!) Das Foto versprach das Gegenteil von einem Eintopf, nämlich Frische, aber der Genuss überzeugte dennoch. Die Linsen werden mit Rotwein gekocht. Dazu kommt Spinat und Feldsalat und ein Klacks Crème Fraiche.

Zitronen-Ricotta-Dinkelpfannkuchen: Eine flüssige Angelegenheit – Sophie warnt hiervor -, was mit ein wenig mehr Quellzeit zu umgehen wäre. Ricotta als Basis überzeugt mich wegen seiner Körnigkeit nicht, auch mehr Süße liegt mir mehr. Zitronenschale ist unverzichtbar, ein aromatisches Highlight.

Birnen-Ingwer-Muffins: Uups, eine kleine Katastrophe. An wem es lag, am Rezept oder mir? Tja, vielleicht war ein Grund die fehlende Angabe der klein- oder großblättrige Haferflocken? Vielleicht auch nicht.

Rühr-Tofu mit Pesto und Spinat: Der Tofu wird mit selbstgemachten Basilikum-Pesto (dessen Menge abweichend von der 2-Personen-Angabe für 16 Portionen reicht) „pfannengrührt“. Ungewöhnliche Kombination, die meine Neugierde weckte. Allerdings wie ich finde nicht wiederholungswürdig.

Sophie Dahl

Sophie Dahl, Verführerisch – Kochen mit Sophie Dahl, Fotos Jan Baldwin, Bloomsbury Berlin (2010)

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Artikel aus der Süddeutschen Zeitung mit dem Titel Von Natur aus gierig







VIDEO: Sophie Dahl
Sophie Dahl erntet von den englischen Medien viel Häme für ihre Koch-Sendung. “Das ehemalige Supermodel kann nicht mal ordentlich Brot schneiden”, kritisiert die britische Restaurantkritikerin und Kolumnistin Jan Moir in der Daily Mail: Mir gefällt ihre Sendung. Die Perspektive ist eine andere: Hier ist kein Experte zugange, sondern charmant unbeholfen eine “normale” Köchin. Damit kann sich sicherlich mancher besser identifizieren. Und darauf kommt es ja an.



Geschrieben im April 2010

Kategorie(n): Kochbuch, Rezension

Kommentare zu diesem Artikel

Arthurs Tochter
Ach, lasst sie doch Brot schneiden, wie sie will. Solange sie dabei so hinreißend aussieht, wie es keinem Kritiker jemals gelänge! Nur kein Neid, meine Damen und Herren! :-)

Katharina
Bei einer so harsche Kritik zu einer so schönen Frau liegt der Gedanke so unedler Motivation nahe. Aber zum Glück entscheiden es die Zuschauer. :-)

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