Cover: Dorling Kindersley Verlag
Von Olaf Plotke
Die Lebensgeschichte von Gordon Ramsay klingt wie ein Märchen. Als Kind wollte der Schotte das werden, was viele Jungen sich erträumen: Fußballer. Er aber schaffte es, wurde Spieler bei den Glasgow Rangers. Dann mit 18 Jahren der Schock: Eine Verletzung beendete den Traum der Profi-Fußballkarriere.
Ramsay wandte sich dem Kochen zu. Und hier erreichte er die Champions League.
Heute ist er der vermutlich höchstdekorierte und erfolgreichste Koch der Welt: Gordon Ramsay ist 41 Jahre alt, ihm gehören 18 Restaurants weltweit und er darf sich mit insgesamt 12 Michelin-Sternen schmücken. Er ist Moderator mehrerer Koch-Shows im Fernsehen und hat viele erfolgreiche Bücher geschrieben. In Großbritannien vergöttert man ihn. Jamie Oliver nennt ihn ein Genie.
In Deutschland ist Ramsay als Chef ohne Gnade im TV zu sehen. Er spielt den letzten Hoffnungsschimmer. In einer Woche versucht er Restaurants zu retten, die kurz vor dem Ruin stehen. Was da zu sehen ist, ist ein unverstellter Blick auf die Welt der Gastronomie. Seine Urteile sind so brutal, dass einem selbst der unfähigste Koch noch leid tut. (Aber in dieser Sendung wird er auch schon mal vom Besitzer des Chaos-Restaurants zurückgeschnauzt.) Diese Gefühlsausbrüche, diese Aggressionen sind in Küchen normal. Vielleicht ist das das verbindende Element von Ramsays Küchen- und Fußballkarriere. In beiden Berufen müssen die Beteiligten auf Knopfdruck unter höchster Anspannung und Konzentration.
Die meisten Restaurants in Ramsays Show kranken an den gleichen Symptomen. Die Karten borden über von Gerichten. Die zeichnen sich meist durch fantasievolle Namen als durch Raffinesse aus. Die Kur, die Ramsay diesen Küchen verschreibt, geht meist so: Karte abspecken, Gerichte vereinfachen. Der Meisterkoch zeigt sich dann als Liebhaber der bodenständigen Küche. Er nimmt Hausmannskost als Basis und veredelt sie mit einer Finesse, die staunen lässt. Und weil in der Restaurantküche immer Termindruck herrscht, kreiert Ramsay Gerichte, die lecker, fein und schnell zuzubereiten sind.
Nur folgerichtig, dass er im letzten Jahr dann in Großbritannien das Buch Gordon Ramsays Fast Food veröffentlichte. Das Buch ist nun als sein erstes auch in Deutschland erschienen. Die Übersetzung des Titels ist erstaunlich: So trägt das Buch nun den irreführenden Titel Schnelle Sterneküche.
Genau das wollte Ramsay aber nicht präsentieren: „Als ich meine Kampagne für das sonntägliche Mittagessen startete, sagten die meisten, sie würden aus Zeitmangel nicht kochen. Traurigerweise ernähren sich viele fast ausschließlich von Fertiggerichten oder Fast Food. (…) Mit den Rezepten in diesem Buch will ich beweisen, dass jeder schneller eine gute Mahlzeit zubereiten kann als eine Pizza kommen zu lassen“, schreibt er in seinem Vorwort. Die Idee ist bestechend einfach: Ramsay präsentiert auf 250 Seiten über 100 Rezepte und 15 Menüs, die sich allesamt in 30 bis 45 Minuten zubereiten lassen.
Seine Philosophie: Das Wichtigste sind erstklassige Produkte. „Ein frischer Fisch braucht keine komplizierten Saucen – eine herzhafte Vinaigrette tut es auch“, schreibt er.
Sterneküche ist das nun wirklich nicht, was uns Ramsay hier serviert. Das wäre sicher auch kontraproduktiv. Denn mit diesem Buch will er ja weniger die „eingefleischten“ Feinschmecker erreichen, als die Kochmuffel. Also gibt es die aus seiner TV-Show bekannte Kur: Einfach, schnell und lecker.
Sehr gut: Ramsay leitet sein Buch erst einmal mit einem Kapitel über den Vorratsschrank ein. „Ein gut bestückter Vorratsschrank ist für die schnelle Küche wesentlich. Hat man die meisten benötigten Zutaten im Haus, kann man leicht noch ein paar frische Sachen – etwa auf den Heimweg von der Arbeit – besorgen.“ Das ist gut gemacht und hilfreich. Ramsay listet auf, was man immer da haben sollte: im Kühlschrank, im Eisfach, in der Gemüsekiste, auf dem Gewürzregal, im Vorratskeller und im Getränkeschrank. Dosentomaten oder -bohnen – für den Meisterkoch kein Problem.
Bis hierher ist das Buch in sich logisch und brillant. Die meisten Rezepte bleiben dieser Logik treu. Einfache Suppen mit Erbsen, Schinken, Bohnen. Fleischgerichtet wie Kalbsschnitzel mit sautiertem Gemüse, Frühlingslamm mit Erbsen, Koteletts mit pikanter Sauce. Lachsforelle mit Fenchel und Kresse, Arme Ritter mit Himbeeren und Ricotta, Erbsenomelette mit Speck. Das sind gute Gerichte, die Spaß machen und ihr Publikum erreichen könnten.
Aber dann geht doch manchmal arg der 12-Sterne-Koch mit ihm durch: Wachteleier, Hummer, Jakobsmuscheln, Wachteln, Hirschsteak – das sind tolle Zutaten, aber nicht gerade passend für die Zielgruppe.
Hier scheint der Autor vergessen zu haben, für wen er schreibt: Für die Kochmuffel oder für die Feinschmecker-Elite, die ihn vergöttert?
Also doch die Schnelle Sterneküche? Nein. Denn Ramsays Kochstil ist in diesem Buch einfach, was wieder zum Konzept seines „Fast Food“ passt: Es wird mit ordentlich Fett gekocht. So präsentiert sich der Meisterkoch hier vor allem als englische Variante unseres schönsten Schnauzbart-Kochs Horst Lichter
Und die Rezepte? Die Zubereitungsbeschreibungen sind durchweg gelungen. Sie sind so genau, dass auch ein versponnener „Küchentrottel“ danach kochen kann.
Der Preis des Kochbuchs Schnelle Sterneküche ist ärgerlich, weil sie inkonsequent ist. Was will Ramsay denn nun eigentlich und was will der Verlag? Denn gegen die Idee, aus Koch-Verweigerern Hobbyköche zu machen, spricht auch der Preis: 24.95 Euro ist sicher nicht die Summe, die einer hinblättert, der sich vorwiegend von Fertiggerichten ernährt. Aber genau die will Ramsay doch mit seinem Buch erreichen (siehe Vorwort)!
Am Ende ist Schnelle Sterneküche ein Buch für Fans: Die Rezepte sind inspirierend, die Aufmachung toll und die Fotos großartig (Endlich mal keine gelackten Plastikgerichte aus Bauschaum und angemaltem Papier, sondern echte Speisen, saftig und lecker). Ein Buch, das man sich in den Schrank stellt.
Favoriten und Flops
Speck-Erbsen-Omelette mit Ziegenkäse: Das hört sich interessant und nach einem typischen Ramsay an. Ist es auch. Allerdings sind hier für unseren Gaumen viel zu viele Erbsen im Spiel. 200 g Erbsen – da hätte ein Viertel locker ausgereicht. Wer hier nach Rezept kocht, hat doch zu viel Mehl im Mund. Aber wer weiß, ein Engländer mag´s vielleicht genau so…
Seehecht mit Tomatenrelish: Da waren alle Mengenangaben richtig, aber das ist auch schon alles, was man darüber Positives sagen kann. Ehrlich gesagt, war dies ein erschreckend fades und langweiliges Gericht.
Brokkoli-Blumenkohl-Gratin ist mal wieder ein echter Ramsay: Es ist nämliche eine ziemlich fettige Angelegenheit. Staunen Sie selbst: Crème fraîche, Eigelbe, Haselnüsse und reichlich Parmesankäse – das haut rein. Aber: Das Rezept war einfach, deshalb schnell gemacht und es hat vorzüglich geschmeckt, was letztlich das Wichtigste ist.
Kirsche mit Mandeln und Minze: Die englischen Desserts sind einfach zum Niederknien. So auch hier. Die Clotted cream, die Ramsay dazu serviert, gibt es in Großbritannien in jedem Supermarkt als Fertigprodukt zu kaufen. In Deutschland allerdings nicht. Und das ist insofern ein Problem, als dass Ramsay die Clotted cream in seinem Rezept zurecht dermaßen anpreist, dass man sie einfach verwenden muss. Kann aber eben nicht. Außer man macht sie selbst. Wie haben ein Rezept dazu in einem Kochbuch der schwedischen Starköchin Monika Ahlberg gefunden – bei Ramsay fehlt das Rezept dafür leider. Wenigstens bietet er Ersatz an: Crème fraîche, Crème double und Schlagsahne. Wobei man sagen muss, dass lediglich die Crème double so halbwegs dem Vergleich mit der Clotted cream stand hält. Crème fraîche ist ein Sauerrahmerzeugnis und kein Süßrahm-Produkt wie Clotted cream. Die Schlagsahne ist zwar auch Süßrahm, aber dann doch zu anders – ein letztlich schlechter Ersatz.
Gordon Ramsay, Schnelle Sterneküche erschienen im Dorling Kindersley Verlag
Bei Amazon bestellen ...MEHR VON GORDON: Wer noch mehr von Gordon Ramsay lesen möchte, dem empfehle ich die englischsprachige Timesonline.co.uk Der Sternekoch veröffentlicht hier Kommentare und Rezepte. Zur Timeline-Site
WEBSITE: Außerdem gibt es noch seine eigene Site. Zur Gordon-Ramsay-Site
NEUIGKEITEN 2009: Von Gordon Ramsay ist ein weiterer Titel erschienen mit dem Titel Gesund schmeckt besser.
Geschrieben im April 2008











