Cover: Christian Verlag
Von Gastautorin Christiane Rita Schwert
In meiner Kindheit haben wir einige Sommer in Skandinavien verbracht, in dem Ferienhaus norwegischer Freunde am Oslo-Fjord. Wir haben mit Schnüren Fische geangelt, Moltebeeren gesammelt und gefaulenzt. Es waren stets herrliche Wochen in denen die Zeit irgendwie still zu stehen schien. Luden uns die Freunde zum Essen ein, gab es köstliche mit einer Art Mayonnaise, Ei und Salat belegte Räucherlachsschnittchen. Unsere Gastgeber schnitten die Scheiben, die würzig-aromatisch und fast wie Schinken waren, frisch von einer ganzen Lachsseite hauchdünn ab. Eine echte Delikatesse und kein Vergleich mit der rosafarbenen Glibbermasse, die man heute häufig bekommt.
In dem Kochbuch von Trine Hahnemann, die in Dänemark eine anerkannte Autorität in Sachen Food ist, „Die skandinavische Küche. Originalrezepte aus Mittsommerland“ habe ich gehofft die schönen norwegischen Kindheitserlebnisse kulinarisch wiederzufinden. Und da ich seit Vive la France! ein ausgesprochener Fan des Christian Verlags bin, musste ich dieses Buch unbedingt haben.
Hahnemann unterteilt, und das gefällt mir gut, da ich es in dieser Konsequenz selten gesehen habe, ihre Rezepte in die einzelnen Monate. Jedes dieser Monatskapitel versammelt eine Mischung kleinerer Gerichte, Hauptgänge und Desserts. Das ist, da saisonales Kochen gerade sehr im Trend liegt, zeitgemäß, aber auch äußerst alltagstauglich: denn ist das eigene Standard-Repertoire „durchgekocht“, fehlen – zumindest mir – manchmal die Ideen fürs Obst und Gemüse der Saison.
In einer Zeit der steten Verfügbarkeit gewinnen durch Hahnemanns saisonalen Ansatz die Produkte an Wert zurück. Der Speisezettel wird so abwechslungsreich und farbenfroh, und man wird sich der Jahreszeiten bewusst, was in der Stadt keine Selbstverständlichkeit ist. Außerdem begeleitet einem so das schöne Buch durch das ganze Jahr: beginnt ein neuer Monat, hat man immer wieder einen Grund es zur Hand zur nehmen.
Toll sind die stimmungsvollen Food- und Landschafts-Fotografien von Lars Ranek, die teilweise collagenhaft jedes Rezept und jeweils auf einer Doppelseite den Beginn eines neuen Monats bebildern. In ihrer Ausdrucksstärke könnten sie einem guten Werbeprospekt für Skandinavien entnommen sein. Sie werben nicht nur für die heimische Küche, sondern auch für das Land (die Länder) in all seiner Schönheit. Ich bin beim Betrachten dieses wunderbaren Bandes nicht nur hungrig geworden, sondern mich hat auch eine starke Sehnsucht ergriffen sofort gen Norden zu reisen.
Jedes Rezept wird durch einige persönliche, manchmal auch erklärende Sätze der Autorin (Foto links) eingeleitet. Die Zutatenlisten sind von überschaubarer Länge, wie auch das Layout und die Rezeptbeschreibungen klar strukturiert und nutzerfreundlich sind. Die Rezepte selbst sind von der Grundidee eigentlich immer ziemlich ansprechend und nachkochenswert. In der Ausführung waren sie mir teilweise allerdings etwas pur bzw. schmeckten recht gesund, da fehlte mir die geschmackliche Tiefe. Doch dem kann der Hobbykoch mit etwas Öl oder einer kleinen Zwiebel leicht Abhilfe schaffen.
Die Auswahl selbst ist von großer Bandbreite. Gleich beim ersten Durchblättern sind mir viele Gerichte ins Auge gesprungen, die ich unbedingt nachkochen wollte. Natürlich finden sich Klassiker wie Smorrebrod, Köttbullar oder Schwedischer Weihnachtsschinken, aber auch ein Rezept für Wiener Schnitzel mit Bratkartoffeln. Die Welt und ihre „Küchen“ rücken zusammen, werden globaler, das findet seinen Niederschlag natürlich auch in den Nationalküchen. Auch Hahnemann erweitert den Rahmen, wenn sie die skandinavischen Länder kulinarisch zusammenfasst und ihre Rezepte als die moderne skandinavische Küche der Gegenwart bezeichnet.
Ich persönlich hätte mir noch etwas mehr Lokalkolorit gewünscht. Es hätte ruhig noch typischer sein können. Das jedoch ist vermutlich meine eigene etwas konservative Erwartungshaltung, die auf der Suche nach der ursprünglichen skandinavischen Kochkunst war. Die habe ich zwar nicht gefunden, dafür aber eine besondere, alltagstaugliche, nordisch inspirierte Rezeptesammlung!
Favoriten und Flops
Baiser mit Erdbeer-Minz-Salsa
Das Baiser ist für mich hier zweitrangig, wirklich köstlich aber finde ich die Erdbeer-Minz-Salsa: Erdbeeren, Minze und Holunderblütensirup, dazu ungesüsste Schlagsahne… ein Gedicht in rot-grün-weiß! Zum Rezept
Kartoffelküchlein mit Falschem Kaviar und Rote-Bete-Salat
Sehr feine Küchlein mit Sesam, Muskat und Thymian, dazu Seehasenrogen auf Crème Fraiche; einzige Einschränkung: der Rote-Bete-Salat schmeckte mir so ganz ohne Öl doch ein bisschen sehr „rohköstlerisch“. Zum Rezept
Köttbullar (Fleischbällchen) mit Sommerkohl und Lingonsylt
Thymian und Lingonsylt geben den altbekannten Bouletten eine schöne Note, und auch durch die Zubereitungsart des erst braten, dann im Ofen fertig garen, wurden sie außen knusprig und innen schön soft; überhaupt hatte der Fleischteig (vielleicht durch Mehl und Mineralwasser) eine sehr schöne Konsistenz; der Sommerkohl nur mit Pfeffer und Butter war mir allerdings definitiv zu schlicht. Zum Rezept
Zitronenmousse: Trine Hahnemann schreibt, es kommt aus den 50ern, auch mich erinnert es an früher; in seiner leichten, cremigen ist es das perfekte Sommerdessert, eine schöne Idee dazu ist die:
Kandierte Zitrone: Zitronenzesten und Saft mit etwas Wasser und Zucker aufkochen, dann trocknen lassen, ist so einfach, schmeckt gut und sieht sehr dekorativ aus (ich habe außerdem noch Orangenzesten hinzugefügt)!
Sommerlicher Kartoffelsalat: Schön frisch und aromatisch durch die Vielzahl der Kräuter, aber auch hier fehlte die geschmackliche Tiefe, und leider war das Ganze auch etwas trocken; mit Senf und Brühe „getunt“, kommt dieses Rezept jedoch ins Repertoire.
Grüner und weißer Spargel aus dem Ofen: Das Rezept ist fruchtig und saftig, aber irgendwie auch ein bisschen langweilig.
Trine Hahnemann, Die skandinavische Küche – Originalrezepte aus Mittsommerland, Christian Verlag (2009)
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ADRESSEN FÜR KOPENHAGEN
Kopenhagen ist eine bezaubernde Stadt und für das dänische Design habe ich eine Schwäche. Ein Merci an Friederike für die tollen Küchengeschirr-Adressen, die ich beim letzten Besuch zu gerne aufgesucht habe. Zu den Adressen
VIDEO: Trine Hahnemann
Geschrieben im August 2009











